Donnerstag, 19. September 2013

Plastik - Segen oder Fluch?

Fast jeder Mensch auf dieser Erde hat Produkte aus Plastik bei sich im Haus. Das beginnt in unseren westlichen Staaten und setzt sich bis in die ärmsten Slums auf unserem Planeten fort.

Bestanden Wohnungseinrichtungen vor etwa 100 Jahren noch überwiegend aus natürlichen Materialien wie Holz, Glas und zum Beispiel Fellen oder Rosshaar für die Matratzen, so sieht dies heute schon ganz anders aus.
Fast alles in unseren Wohnungen ist aus Plastik hergestellt oder hat zumindest Plastik-Bestandteile. Dies beginnt in der Küche und setzt sich über Badezimmer und Wohnzimmer bis ins Schlafzimmer fort.

Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, denn Plastik besitzt viele nützliche Eigenschaften.
Es ist billig, je nach Machart sehr belastungsfähig, es weist ein geringes Gewicht auf, man kann es leicht transportieren, es ist hygienisch und es ist sehr leicht verfügbar.
Ein Leben in unserer heutigen, modernen Zeit ist ohne Plastik kaum noch denkbar. Zu allgegenwärtig ist dieses Material.

Insgesamt werden weltweit pro Jahr 240 Millionen Tonnen Plastik produziert. Der Umsatz der Plastikindustrie beträgt pro Jahr etwa 800 Milliarden Euro. In Europa arbeiten 1 Million Menschen in der Plastikbranche.
Ziemlich beeindruckende Zahlen...
Nun, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, wie der Volksmund zu berichten weiß.
Ist dies beim Plastik genau so?
Mit dieser Frage wird sich dieser Blogbeitrag beschäftigen.

Was ist Plastik überhaupt?
Insgesamt gibt es sehr viele unterschiedliche Plastiksorten. Hier eine Liste aus der Wikipedia.
Von dieser Vielzahl kommen überwiegend sieben in unseren Haushalten vor.
Jede dieser Plastiksorten in der Herstellung zu beschreiben, würde hier eindeutig zu weit führen, doch grundsätzlich kann man sagen, dass Plastik aus dem Rohstoff Erdöl gewonnen wird. In chemischen Prozessen werden aus dem Öl Bestandteile extrahiert und mit anderen Chemikalien versetzt und somit zu Plastik.
Um es belastungsfähiger zu machen, kommen noch Weichmacher und zur Sicherheit Flammschutzmittel hinzu. Das wäre es im Groben.

Wenn man jetzt einen Gegenstand aus Plastik in die Hand nimmt, denkt man auf den ersten Blick, eine solide und saubere Sache.
Doch können Sie sich noch an Ihre Kindheit erinnern? Wissen Sie noch, wie neue Spielsachen aus Plastik gerochen haben?
Und jetzt nehmen Sie bitte einen beliebigen Gegenstand aus Plastik zur Hand und riechen bitte mal an diesem.
Sie werden feststellen, dass Plastik riecht.
Inzwischen natürlich anders als früher. Der Industrie ist es mittlerweile sogar gelungen, Plastik herzustellen, das nach Pfefferminz oder Kaugummi riecht.
Doch wenn eine Sache riecht, dann tritt irgendetwas aus ihr aus. In der Regel sind dies die enthaltenen Weichmacher.
Man kann dies auch sehr gut an altem Plastik erkennen. Es ist brüchig und wenig belastbar, weil sich die Weichmacher verflüchtigt haben.

Dieser Frage haben sich Wissenschaftler gewidmet und das Problem untersucht. Sie nährten sich der Sache von verschiedenen Seiten an.
Während eine Gruppe sich mit den fertigen Plastikprodukten befasste, besah sich die andere Gruppe die Inhaltsstoffe.
Beide kamen zu alarmierenden Ergebnissen.

Im Plastik sind viele gesundheitsschädliche Stoffe enthalten. Die wichtigsten Weichmacher sind Bisphenol A und verschiedene Phthalate. Beide Stoffe bergen erhebliche Risiken in sich, wie man auch unter den beiden Links in der Wikipedia nachlesen kann.
Nun mag man geneigt sein, zu sagen, dass dies doch nur kleinste Mengen sind, die an sich nicht schädlich sein können.
Dies mag auf normale Gifte zutreffen.
Doch Bisphenol A ähnelt dem Hormon Östrogen sehr stark und bei Hormonen versteht unser Körper keinen Spaß. Es genügen bereits kleinste Mengen, um ein erhebliches Ungleichgewicht auszulösen.

So geschah es etwa in einem Forschungslabor, dass Ratten plötzlich begannen, veränderte Eizellen zu produzieren. Und dies, obwohl eigentlich eine ganz andere Sache Forschungsgegenstand war. Bei der Suche nach der Ursache stellte man fest, dass die Plastikboxen der Ratten zu heiß und mit einem falschen Mittel gereinigt wurden, wodurch das Plastik verstärkt Bisphenol A abgab. Mit den eben genannten Folgen.
In englischen Flüssen tauchten vor einigen Jahren so genannte Intersexfische auf. Also solche, die weder Männchen noch Weibchen waren. Bei Untersuchungen wurde Bisphenol A im Wasser nachgewiesen. Wie in fast allen Gewässern übrigens. Auch dem Meer.
Den Weibchen einer bestimmten Schneckenart wuchsen Penisse, nachdem sie mit Bisphenol A konfrontiert wurden.

Beim Menschen wurden ähnliche Ergebnisse festgestellt.
So ergab zum Beispiel eine Studie mit kinderlosen Paaren, dass diese überdurchschnittlich viel Bisphenol A im Blut hatten.
Die Kinderlosigkeit liegt zum einen daran, dass Bisphenol A die Eizellen verändert und zum anderen daran, dass die männliche Zeugungskraft nachlässt. In den letzten 50 Jahren ist die Spermienproduktion der Männer um 53 Prozent gesunken!
Das Schlimme ist, dass die meisten Männer nicht komplett zeugungsunfähig werden, sondern immer noch in der Lage sind, geschädigte Kinder zu zeugen. Im Durchschnitt haben alle Menschen so viel Bisphenol A im Körper, dass es im Tierversuch gereicht hat, bei den männlichen Tieren die Spermienproduktion um 40 Prozent zu senken.
Selbst die Inuit und die Amazonasindianer haben diesen Stoff in ihrem Körper.

Doch die Weichmacher im Plastik verursachen noch weitere gesundheitliche Probleme.
Durch das Ungleichgewicht der Hormone kommt es zu Störungen im Gehirn. Dies kann verschiedene Erkrankungen nach sich ziehen. Außerdem werden die Zellen angegriffen.
Des Weiteren zählen zu den durch Plastik verursachten Krankheiten:

- Hodenkrebs und Diabetes bei Kindern
- Asthma
- Fettleibigkeit
- Verhaltensstörungen bei Kindern
- Krebs

Mit allen, den daraus resultierenden Folgen.
Das Schlimme ist, dass diese Stoffe sich nur selten tödlich auswirken, sondern „nur“ krank machen. Die meisten Menschen und auch viele Ärzte stehen dann vor einem Rätsel, wenn es gilt, den Ursachen auf die Spur zu kommen.
Natürlich. Plastik erhöht unsere Lebensqualität.
Doch werden Sie noch immer von Lebensqualität sprechen, wenn Sie wegen genau diesem Plastik Krebs bekommen und sich gerade auf dem Weg zur Chemotherapie oder zur Bestrahlung befinden?

Wissenschaftler sagen, dass es zur Zeit kein sicheres Plastik gibt.
Hinzu kommt noch eine große Unbekannte in der Gleichung, da viele Inhaltsstoffe im Plastik nicht bekannt sind oder geheim gehalten werden.

Alle Lebensmittel, von der Wurst bis zur Cola, die in Plastikbehältern gelagert wurden, weisen Spuren von Bisphenol A auf.
Die Konzentration ist dabei so hoch, dass Bisphenol A eigentlich als Zusatzstoff ausgewiesen werden müsste.
Dies geschieht nicht, weil der Hersteller der Verpackungen nicht angeben muss, welche Stoffe bei der Produktion eingesetzt wurden und der Lebensmittelfabrikant hat in seinen Produkten kein Bisphenol A. Eine Gesetzeslücke.
Vielfach wissen die Produzenten von Verpackungen nicht einmal, welchen Kunststoff sie ganz genau verarbeiten. Sie bekommen vom Hersteller des Plastik einfach einen verkauft, der die individuellen Anforderungen erfüllt.

Bei der EU in Brüssel ist das Problem seit zehn Jahren bekannt und es wurden Untersuchungen eingeleitet.
In diesen zehn Jahren wurden genau elf Substanzen untersucht, doch es gibt über 200.000 davon. Die Ursache dafür ist die sehr starke Lobby der Chemieunternehmen, die auch gern mit harten Bandagen ins Gefecht ziehen. So jedenfalls die Aussagen der Leiterin dieser Untersuchungskommission.
Im Moment ist die Gesetzeslage so, dass die Verbraucher und Behörden nachweisen müssen, dass Plastik sich schädlich auswirken kann und nicht die Chemieunternehmen das Gegenteil.

Bis zum Jahr 1999 ging man davon aus, dass Bisphenol A unschädlich sei. Allerdings waren diese Studien durchweg von der Chemieindustrie finanziert.
Inzwischen gibt es mehr als 700 unabhängige Studien, die das exakte Gegenteil beweisen.

Neben den gesundheitlichen Aspekten, verursacht gerade Plastik in der Umwelt erhebliche Probleme.
Jeder hat sich schon einmal über herumfliegende Plastiktüten oder ähnliches geärgert. Doch dies ist tatsächlich nur die Spitze eines gigantischen Eisberges.

Die insgesamt bisher produzierte Plastikmenge würde ausreichen, um die ganze Erde sechs Mal in Plastikfolie einzuwickeln.
Das nächste große Problem ist die extrem lange Lebensdauer von Plastik in der Umwelt. Je nach Material dauert es zwischen 200 und 500 Jahren, bis sich Plastik in seine Bestandteile aufgelöst hat.

Natürlich kann man Plastik recyceln. In der Regel werden dazu zwei Methoden angewandt.
Die eine ist die Verbrennung. Die dabei entstehenden Schadstoffe werden gefiltert und diese Filter dann unter Tage endgelagert.
Die zweite Möglichkeit ist, das Plastik wieder zu verwenden.
Das Problem dabei ist, dass es die Recycler mit einer Vielzahl unterschiedlicher Plastiksorten zu tun haben. Aus diesem Grund kann man aus dem Plastikmüll nur Plastik in schlechter Qualität herstellen. Dies wird dann zum Beispiel für Abwasserrohre genutzt. Niemals wird aus einer Colaflasche in der Recyclingtonne wieder eine Flasche.

Auch in den Ozeanen bietet sich dem Betrachter ein trauriges Bild.
Wenn Plastik ins Meer gerät, werden zuerst die Weichmacher an das Wasser abgegeben. Durch die daraus resultierende Brüchigkeit des Materials, wird das Plastik von den Wellen zu kleinen Stücken zerbrochen.
Die Größen reichen da von mikroskopisch klein, bis zu ganzen und unzerstörten Teilen.

Problematisch ist, dass viele Tiere diese Plastikteilchen mit ihrer Nahrung verwechseln. Dies beginnt bei den Planktonfressern und reicht die gesamte Nahrungskette hinauf und erreicht sogar die Seevögel, die in einigen Fällen sogar ihre Jungen mit Plastik fütterten.
Aus den Mägen von vier jungen Albatrossen wurde eine Plastikmenge entnommen, die ein Zweiliter-Glas füllte. Die Tiere sind mit vollem Magen verhungert.

Im Jahr 1999 war das Verhältnis Plankton zu Plastik im Wasser 6:1. Heute kommen, in besonders betroffenen Gebieten, auf einen Teil Plankton 60 Teile Plastik. Wissenschaftler vertreten die These, dass es im Meer insgesamt mehr Plastik als Plankton gibt.

Wenn man im Urlaub auf das Meer schaut, sieht man nicht viel davon, da Plastik sich unter der Wasseroberfläche befindet. Besonders zu erwähnen ist hier der Bereich von wenigen Zentimetern unterhalb der Wasseroberfläche, bis zu einer Tiefe von zehn Metern. Doch auch auf dem Grund des Meeres befinden sich enorme Mengen alten Plastiks.

In den Ozeanen gibt es, weitab jeden Landes, drei gigantische Plastikwirbel. Diese nehmen eine Fläche von zig tausend Quadratkilometern ein. Untersuchungen in diesen Gebieten, haben eine extrem hohe Kontamination des Meeres durch Plastik erwiesen.
Selbst auf den Osterinseln, dem abgelegendstem Ort auf unserem Planeten, werden beachtliche Mengen Plastik angeschwemmt.

Nun stellt sich natürlich die Frage, was man tun kann.
Die Antwort liegt eigentlich klar auf der Hand.
Wir müssen das Plastik, so weit es möglich ist, aus unserem Lebensumfeld verbannen. Wer dies nicht seiner Gesundheit zu liebe tun möchte, der sollte vielleicht noch ein Auge auf die Umwelt werfen, in der leben wir schließlich. Ich denke, dann wird die Entscheidung sehr leicht.
Nun will ich Ihnen nicht vorschreiben, was Sie tun sollen, aber ich kann Ihnen sagen, welche Auswirkungen dieses, für mich neue Wissen, auf mein Leben hat.

Nachdem ich meiner Frau die Sache erklärt hatte, kamen wir zu der Entscheidung, es dem Plastik in unserem Leben sehr schwer zu machen.
Als erstes kauften wir keine Getränke mehr in Plastikflaschen. Der zu betreibende Aufwand ist nur geringfügig höher und der Preis bleibt gleich.

Das nächste Problem war der Supermarkt.
Fast alle Produkte steckten irgendwie in Plastik. Und wenn man genauer hinsah noch viel mehr. So zum Beispiel die Innenbeschichtung im Tetrapack. Doch auch hier fanden sich Lösungen.
Für den Metzger und den Käsestand haben wir Metallschalen mit Deckel gekauft. In diese lassen wir uns unsere Wurst einpacken.
Viele Haushaltschemikalien haben wir durch Kernseife ersetzt. Siehe auch den Beitrag „Die Wiederentdeckung der Kernseife“ in diesem Blog. Auch dadurch konnten wir unseren Plastikverbrauch deutlich reduzieren.
Dass man im Supermarkt auf die obligatorische Plastiktüte verzichtet und besser einen Rucksack oder Stoffbeutel verwendet, versteht sich von selbst.

In der Küche haben wir nach und nach, Schüsseln und ähnliches gegen solche aus normalem Metall oder Edelstahl ausgetauscht. Diese sind zwar im ersten Moment etwas teurer als Plastik, doch da ich schon jenseits der 40 bin, werde ich mir im Leben keine weiteren Gegenstände dieser Art kaufen müssen.
Es gibt inzwischen sogar Menschen, denen es gelungen ist, Plastik vollständig aus ihrem Leben zu verbannen.

Vielleicht muss man so weit nicht gehen, doch wenn man genau nachdenkt kommen einem viele Ideen, wo man Plastik vermeiden kann und dies lohnt sich gleich in vielerlei Hinsicht.

Wie immer freue ich mich über Korrekturen und/oder Ergänzungen zu diesem Artikel. Diese dann bitte in die Kommentare schreiben.

Andre Hoek


Foto: Wikimedia Commons - Autor: Plenumchamber

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