Sonntag, 22. November 2020

Horst - Die unendliche Geschichte...

Horst vor ein paar Tagen vor
dem Berliner HBF

 ...oder das Totalversagen des Hilfesystems.

Ich hatte schon mehrfach über Horst berichtet. Meinen ersten Bericht findet Ihr hier. Damals wurde Horst in der Nacht von einer Gruppe Jugendlicher überfallen, zusammengeschlagen und ausgeraubt. 
Etwas später von der Berliner Stadtmission, aufgrund fehlender Kostenübernahmen aus einem Übergangshaus einfach wieder auf die Straße geworfen. Mein damaliger Bericht ist hier zu finden. Menschlichkeit und Verständnis ist dort wohl eher nicht zu finden. Trotz aller permanent propagierten, christlichen Werte.

Ich persönlich habe dort Gleiches erlebt.
Mitten im Winter wurde ich schwer krank und im Rollstuhl sitzend von Heute auf Morgen dort raus geworfen. Drei Tage später wäre ich am Hauptbahnhof fast erfroren. Als man mich fand, hatte ich nur noch 29°C Körpertemperatur!
Und es gibt sehr viele Berichte dieser Art. Das Verhalten dieser Leute ist also programmatisch und leider kein Einzelfall.

Und die Geschichte geht weiter.
Horst hat den Sommer auf der Straße verbracht und wurde in dieser Zeit lediglich durch andere Obdachlose unterstützt.
Gestern rief mich ein ehemaliger Obdachloser an und berichtete mir Folgendes.
Horst hat körperlich und psychisch extrem abgebaut. Zudem ist er vermutlich altersdement. Er braucht Hilfe, wenn er zur Toilette möchte und ist kaum noch in der Lage sich selbst bei nur einfachsten Dingen zu helfen.
Horst heute Mittag, mit
seinen zwei Rollstühlen
Am Anfang der Woche kam der Kältebus der Berliner Stadtmission vorbei und brachte Horst in die Notunterkunft in der Lehrterstraße unter, wo er zwei Nächte schlafen durfte.
Am Mittwoch tauschte man seinen Rollator gegen einen Rollstuhl aus und nahm ihn wieder mit zur Not-Unterkunft. Der Kältebus ging wieder auf Tour und Horst wartete auf Einlass.
Nun beginnt es wirklich absurd zu werden.
Als Horst an die Reihe kam, wurde ihm der Einlass verwehrt, da er ja nun Rollstuhlfahrer sei und die Einrichtung nicht behindertengerecht ist.
Die gleichen Leute, welche ihn in den Rollstuhl gesetzt hatten, verweigerten ihm nun den Zutritt zu der, für ihn überlebenswichtigen, Einrichtung, da er ja nun im Rollstuhl sitzt!
Es ist unfassbar!
Andere Obdachlose sprachen Streetworker von Gangway an und baten um Hilfe für Horst. Diese wurde zugesichert, doch statt ihn unterzubringen, stellte man ihm einen zweiten Rollstuhl (sic!) hin und ließ ihn am Bahnhof zurück.

Was sich jetzt wie ein schlechter Scherz liest, ist für obdachlose Menschen tägliche Realität!
Unser Hilfesystem funktioniert nicht.
Und es liegt nicht an der Berliner Politik! 
Dort wird ernsthaft darüber nachgedacht und auch tatsächlich gehandelt, wenn es um die Belange von Obdachlosen geht. Und es werden auch ausreichend Gelder bereit gestellt.
Da stellt sich die Frage, warum es nicht funktioniert fast von selbst.

Der Grund sind die Hilfsorganisationen dieser Stadt.
Sie machen nicht das, was sie vorgeben zu tun. Jeder Obdachlose in Berlin kann ein trauriges Lied davon singen.
Es werden Gelder vom Senat entgegen genommen und es wird versprochen Maßnahmen umzusetzen. Leider wird dieses Versprechen nicht gehalten. 
Wenn es die vielen privat organisierten Initiativen in der Stadt nicht gäbe, würde es jedes Jahr viele Tote geben.
Richtig schlecht ist, dass ebendiese großen Orgas dem Senat Maßnahmen vorschlagen, die schon seit Jahrzehnten keine Verbesserung der Situation bewirkt haben. Und nach meiner Einschätzung ist dies auch gar nicht beabsichtigt. 
Von der Obdachlosenarbeit kann man nämlich bestens leben und es lassen sich glänzenden Geschäfte mit dem Leid und Elend der Menschen auf der Straße machen.

Für die selbst vorgeschlagenen (oft unsinnigen) Maßnahmen, werden große Summen entgegen genommen und zum größten Teil in die eigene Tasche gesteckt. Man muss dies verstehen. Für die Bereitstellung von Infrastruktur und Mitarbeitern (tatsächlich in den allermeisten Fällen ehrenamtlich Tätige) entstehen schließlich Kosten (Ironie off). 
Es werden tolle Versammlungshäuser gemietet oder gekauft, teure Gehälter in der Führungsetagen bezahlt und man finanziert damit die eigene Organisation. Mit Geldern die man den Menschen auf der Straße unterschlägt!
Der Bock wird zum Gärtner...

Es werden Notunterkünfte betrieben, welchen die Bezeichnung menschenwürdig nicht mal im Ansatz verdienen.
Man macht Bewerbertrainings für Obdachlose (Stadtmission), die nun wirklich keinen Obdachlosen etwas nützen, da man als Obdachloser eben keiner geregelten Arbeit nachgehen kann. Profis in der Obdachlosenarbeit sollten dies wissen.
Es wird auch gelogen. Gegenüber der Öffentlichkeit, der Presse und dem Senat. 
Die ach so schönen, in den buntesten Farben geschilderten, Maßnahmen, kommen nur noch in ganz rudimentären Formen bei den Menschen auf der Straße an. Da wird ein halber Pappbecher voll Suppe gegenüber der Presse zur Mahlzeit umdeklariert (Karuna).
Obdachlose brauchen Hilfe bei der Beantragung von Sozialleistungen, weil sie es allein nicht geschafft haben und werden mit einer Liste von Behördengängen aus der Tür geschickt, obwohl sie ja vorher genau an diesem Problem gescheitert sind. Der Öffentlichkeit und dem Senat wird die als reintegrative Maßnahme verkauft.
Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Wenn Ihr mehr darüber wissen wollt, fragt einfach einen beliebigen Obdachlosen in Berlin, nach seinen Erfahrungen mit den großen Orgas.

Das Bereitstellen von Not-Unterkünften, das Verteilen von Schlafsäcken und Suppe löst das Problem nicht! Es wird dadurch verschlimmert!
Was wir brauchen sind engagierte Sozialarbeiter und Streetworker, die den Menschen auf der Straße bei Ihren wirklichen Problemen helfen.
Besorgen von Personalpapieren, Beantragung von Sozialleistungen inklusive der Begleitung zu Behörden, da Obdachlose dort sehr oft wie Menschen dritter Klasse behandelt werden und ihnen auch vielfach klare Rechtsansprüche dort nicht gewährt werden.
Und als allerwichtigstes müssen sie runter von der Straße!
Wegen mir auch übergangsweise in Heime, diese dürfen dann aber nicht Endstation sein und müssen Mindeststandards erfüllen und diese müssen vor allem auch unabhängig kontrolliert werden. Der nächste und möglichst schnell zu geschehende Schritt muss die eigene Wohnung sein. Und auch dann darf die Betreuung nicht enden, sondern erst dann, wenn der ehemals Obdachlose wieder fest im Leben steht. Arbeit und ein funktionierendes, soziales Umfeld hat. Da der Rückweg aus der Obdachlosigkeit eben doch nicht so leicht ist, wie es bei flüchtigem Hinsehen scheint.

Das was aktuell durchgeführt wird, bringt schon seit unzähligen Jahren nichts und solange wir dies nicht ändern, geht das Leiden und Sterben auf der Straße eben weiter.
So lange wird es weiter Opfer dieser vorgeblichen Helfer, wie Horst und mir geben. 
Die Straße ist nicht ein vorübergehender Aufenthaltsort, bis man wieder eine Wohnung hat und erst recht nicht ein Platz an dem man gut und gerne lebt.
Die Straße ist eine Todeszone. Obdachlose sterben im Durchschnitt 25 Jahre früher als die Normalbevölkerung. Männer mit 49 und Frauen mit 52 Jahren.
Und mir persönlich wird schlecht bei diesem Gedanken...

André Hoek

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