Freitag, 26. Oktober 2018

Was machen Obdachlose im Winter?

In dieser Zeltsiedlung unterhalb des Bundestages
schlief ich einen Winter lang
Es bedarf keiner weiteren Erklärung, Obdachlosigkeit ist im Winter besonders schlimm. Die unzähligen Probleme, welche obdachlose Menschen aufgrund ihrer Situation sowieso schon haben, werden durch die Kälte nochmal um einige Stufen verschärft.

Wie ist es als Obdachloser im Winter?

Als Obdachloser empfindet man Kälte ganz anders als Leute die eine Wohnung haben. Letztere sind immer nur für kurze Zeiträume draußen.
Man steht mal 20 Minuten an einer Haltestelle, läuft zehn Minuten zum nächsten Supermarkt oder geht vielleicht mal zwei Stunden in der Kälte spazieren. Davor und danach ist man wieder im Warmen. Auch wenn man nach den zwei Stunden das Gefühl hat wirklich durchgefroren zu sein, so ist man dies aus Sicht eines Obdachlosen noch lange nicht. Einen solchen Zustand beachtet dieser garnicht mehr, da dies für ihn der Normal-Zustand ist. Es geht noch viel schlimmer.

Obdachlose Menschen sind der Kälte nicht immer nur ein paar Minuten ausgesetzt, sondern 24 Stunden am Tag.
Tag für Tag.
Über Monate.

Wenn man obdachlos ist, betrachtet man die Kälte wie einen persönlichen Feind, mit dem man täglich kämpfen muss. Zumindest mir ging es so. Man kämpft schweigend, da jammern nichts bringt. Den anderen ist genau so kalt wie einem selbst.
Auch wenn  obdachlose Menschen scheinbar ungerührt in der Kälte sitzen und miteinander einen gemütlichen Plausch halten, ihnen ist genau so kalt, wie Euch. Mit Sicherheit frieren sie sogar mehr. Und sie werden noch immer frieren, wenn Ihr längst wieder im Warmen seid und die Kälte die eben noch unerträglich schien, nur noch ein flüchtiger Gedanke ist.

Der Wetterbericht hat im Winter für obdachlose Menschen eine ganz andere Wichtigkeit als für Leute mit einer Wohnung.
Wenn bei Temperaturen unterhalb von fünf Grad Minus eine Abkühlung von zwei Grad angekündigt wird, macht einem das Sorgen.
Scheiße, heute war es schon so schwer, wie soll ich das Morgen schaffen?
Doch man wird es auch Morgen wieder schaffen. Irgendwie, es muss gehen. Man hat keine andere Wahl.

Und dann gibt es noch die richtig schlimmen Tage im Januar, Februar und März. Jeder Obdachlose der mal einen Winter auf der Straße durchgemacht hat, fürchtet sich insgeheim vor diesen Wochen des Jahres.

In meinem ersten Winter auf der Straße gab es einen speziellen Tag an den ich mich immer wieder erinnere.
Am Tage herrschten Temperaturen von etwa 12 Grad unter Null. Gefühlt waren es mindestens minus 25.
Als ich mit meinem Rollstuhl durch den Bahnhof fuhr, sah ich auf einer Anzeigetafel, dass es in der nächsten Nacht minus 20 Grad kalt werden sollte. Mir blieb richtig für einen Moment das Herz stehen.
Schon jetzt war es draußen so kalt, dass man es nicht länger als eine Stunde im Freien aushalten konnte. Dann musste man unbedingt ins Warme. Und auch das war nicht immer stündlich möglich, da man als Obdachloser in der Regel überall hinausgeworfen wird. Zweimal am Tag eine Stunde in die Bahnhofsmission, gelegentlich (weil teuer) mal eine Stunde zu McDonalds oder ich bin ein bisschen mit meinem Rolli im Bahnhof spazieren gefahren. Aber auch da musste man aufpassen. Lief man zwei Mal dem gleichen Sicherheitspersonal über den Weg, wurde man in der Regel zum Verlassen des Bahnhofs aufgefordert. Egal wie kalt es draußen war.

Als ich an diesem Abend in mein Zelt ging und mich für die Nacht fertig machte, kam mir plötzlich der Gedanke in den Kopf: Was wenn du morgen früh nicht mehr aufwachst? Einfach im Schlaf erfroren.
Da ich keine Idee hatte, was ich anderes tun könnte, zog ich alles an was ich besaß und deckte mich mit allem zu, was dazu geeignet war. Noch mal kurz kontrolliert ob nichts gegen die Zeltwände drückt und die Augen zu gemacht.
Und dann war er wieder da, dieser Gedanke. Kurz vor dem Einschlafen. Vielleicht gehst du jetzt zum letzten Mal schlafen?
Das war wirklich beängstigend.

Meine Kollegen und ich hatten Glück, es wurden in dieser Nacht nur minus 15 Grad und alle standen gesund wieder auf.
In der zweiten Nacht kam dieser unangenehme Gedanke nochmal in anderer Form wieder. Na, vielleicht letzte Nacht doch nur Glück gehabt?
Nach der dritten Nacht legte sich die Angst. Ich hatte bewiesen, dass ich es schaffen kann.

Doch viele schaffen es nicht und erfrieren. Jedes Jahr aufs Neue.
Dann gibt es ein anonymes Armenbegräbnis in der hintersten Ecke des Friedhofs. Hin und wieder schreit mal ein Boulevard-Blatt mit einer Titelseite auf und dann geht man zur Tagesordnung über. Ist eben so. Obdachlose erfrieren hin und wieder.

Auch ich bin einmal fast erfroren.
Es war ziemlich kalt. die Nachttemperaturen betrugen zwölf Grad unter Null. Ich war schon einen ganzen Tag in der Kälte. Die Nacht durfte man als Rollstuhlfahrer im Wartebereich der Ambulanz der Berliner Stadtmission verbringen. Als ich dort ankam, sah ich dass ein anderer obdachloser Rollifahrer mal wieder außer Rand und Band war. Wenn er in diesem Zustand war, bekam man in der Nacht kein Auge zu. Nach zehn Minuten entschied ich mich wieder zu gehen.
Irgendwie fehlte mir die Kraft und zuviel getrunken hatte ich sowieso, auf jeden Fall ging ich nicht in mein Zelt, sondern legte mich auf einer Betonbrüstung auf dem Gelände der Stadtmission schlafen. Ohne Isomatte und Schlafsack.
Zum Glück wurde ich am Morgen wieder wach. Naja, eigentlich hatte ich wegen der Kälte garnicht viel geschlafen. Wie immer machte ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Und dann weiß ich aus eigener Erinnerung nichts mehr.
Aus Berichten anderer weiß ich, dass ich gegen Mittag gesehen wurde. Mit hängendem Kopf in meinem Rollstuhl sitzend auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs. Gegen 18.00 Uhr kam die selbe Person noch einmal vorbei und ich stand noch an gleicher Stelle. In unveränderter Position. Als ich auf seine Ansprache nicht reagierte, rief er einen Krankenwagen. Im Krankenhaus betrug meine Körpertemperatur nur noch 29 Grad.
Mehrere tausend Menschen sind an diesem Tag an mir vorbei gegangen ohne auf mich zu achten und nur wenige Stunden später wäre ich einfach still und leise erfroren.
Deshalb an dieser Stelle meine dringende Bitte.
Wenn Ihr im Winter Obdachlose im Freien liegen seht, schaut nach ihnen. Fragt kurz ob es ihnen gut geht oder ob sie Hilfe brauchen. Dazu weiter unten aber noch genaueres.

Aber auch wenn es nicht so bitter kalt wird, bereitet die Kälte erhebliche Probleme.
Dies beginnt schon mit dem morgendlichen Aufstehen. Oder Halt, ich muss anders anfangen.

Das kleine Zelt hinter der Bank war meins
Wieder erwarten ist die Nacht für die Obdachlosen die wärmste Zeit des Tages. Zumindest für Diejenigen die es geschafft haben eine anständige Schlafausrüstung zu ergattern.
Ich hatte in meinem Zelt drei Isomatten, von denen eine selbstaufblasend war. Dadurch war es sogar ein bisschen weich.
Dann hatte ich einen Schlafsack von der Bundeswehr mit so Ärmeln dran, den ich als erstes anzog. Darüber kam ein Mumienschlafsack. So hielt man es gut bis zu Temperaturen von minus zehn Grad aus.
Bei der Weihnachtsfeier von Frank Zander (ehrfürchtigunddankbarverneig) im Jahr 2016 hatte ich das große Glück einen der wenigen vorhandenen Schlafsäcke abzubekommen. Mit diesem deckte ich mich noch zusätzlich zu, wenn es noch kälter wurde. Auf diese Weise konnte  man im warmen schlafen. Ja, man freute sich schon richtig darauf, nach einem Tag in der Kälte, am Abend in den Schlafsack zu kommen.
Wenn man allerdings am Morgen aufstehen muss, sieht das ganz anders aus.
Im Schlafsack ist es so warm wie im Bett und ich habe mich, außer bei extremer Kälte, immer bis auf Unterhose und T-Shirt ausgezogen. Wenn man den Reißverschluß des Schlafsacks öffnet, fällt die Temperatur innerhalb von nur einer Sekunde von 30 Grad auf Minus 15. Ein Temperaturunterschied von 45 Grad! Auch die Kleidung die man gleich anzieht ist so kalt. Glaubt mir, diese zehn Minuten des Tages verflucht man aus ganzem Herzen. Jeden Morgen aufs Neue.

Das gleiche Problem hat man, wenn man Nachts zur Toilette muss.
Einmal hatte ich eine Nierenbeckenentzündung. In den nachfolgenden Wochen musste ich teilweise jede Stunde aufstehen. Kaum war der Schlafsack wieder warm, drückte erneut die Blase.
Das war insgesamt sehr anstrengend, da ich kaum zum Schlafen kam.

Und die Kälte kostet Kraft.
Der Körper verbraucht so viel Energie um zu heizen, dass der ohnehin schon sehr anstrengende Alltag nun noch schwerer wird.
Auch das ewige Frieren zehrt irgendwann an den Nerven und auch das kostet wieder zusätzliche Kraft, die man oft nicht hat, aber trotzdem aufbringen muss, weil es eben anders nicht geht.

Ich hoffe Ihr habt jetzt einen ungefähren Eindruck von dem, wie obdachlosen Menschen den Winter erleben.
Jetzt steht die Frage wie man helfen kann, eigentlich fast von selbst im Raum.

Man kann zum Beispiel warme und robuste Kleidung spenden. Aber auch jede andere irgendwie wärmende Textilie ist bei Kälte stets hoch willkommen.
Entweder bei den großen Organisationen oder Ihr fragt den Obdachlosen den Ihr jeden Tag in der Stadt seht einfach mal was er dringend brauchen kann.
Isomatten und Schlafsäcke sind immer hochwillkommen, da diese hohem Verschleiß unterliegen und ähnlich wie Bettwäsche regelmäßig gewechselt werden müssen. Außerdem werden gerade Schlafsäcke sehr gern gestohlen.
Ebenso werden immer Zelte gesucht.
Dabei ist zu beachten, dass eine Person ein Zweimann-Zelt benötigt, sonst bekommt man das Gepäck nicht mit ins Zelt.

Auch Geld zu geben ist aktive Kältehilfe.
Wenn ein Obdachloser Geld hat, kann er sich mal eine Stunde ins McDonalds oder in eine Bäckerei setzen. Oder er kauft sich ein Tagesticket und verbringt während einer S-Bahn-Rutsche den Tag in der beheizten S-Bahn.

Wie oben schon kurz erwähnt, wäre es richtig gut, wenn mehr Menschen auf Obdachlose achten würden. Glaubt mir, wenn Ihr es nicht macht, der Nächste macht es auch nicht.
Einfach kurz hingehen, freundlich guten Abend sagen und fragen ob alles in Ordnung ist. Sollte Hilfe erwünscht werden, kann man den Kältebus rufen. Hier die Rufnummer:

0178 5235 838

Wenn Ihr aus Berlin kommt speichert sie doch gleich mal ins Handy. Bevor man es wieder irgendwann einmal macht...;-)
Sollte eine Person nicht mehr ansprechbar sein, ruft Ihr natürlich den Notarzt oder die Polizei.
Auch dann, wenn eine Flasche Schnaps neben dem Schlafsack steht. Auch Betrunkene können einen Herzinfarkt oder einen Gehirnschlag erleiden.
Ein nichtansprechbarer Obdachloser ist ebenso eine hilflose Person, wie jeder andere Mensch auch!

Besonders fatal ist, dass die Symptome die Erfrierende zeigen, täuschend denen von Betrunkenen ähneln! Die Betroffenen ziehen sich trotz Kälte aus, lallen, taumeln und reden wirres Zeug. Wenn dann der Obdachlose vorher nur ein Bier getrunken hat...

Ich hoffe ich konnte verdeutlichen, dass der Winter für Obdachlose keine leichte Zeit ist.
Achtet auf die Menschen die das Unglück haben, im Winter auf der Straße leben zu müssen.

Euer André

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