Dienstag, 24. Dezember 2019

Drei Jahre

Das kleine Zelt hinter der Bank in
der Bildmitte, war meins.
Ich sitze gerade in meiner Wohnung und denke über mein Leben nach. Und ich kann überhaupt nicht begreifen, was in den letzten drei Jahren  alles passiert ist. Manchmal denke ich, ich bin in einem schönen Traum, der Wecker klingelt gleich und ich liege wieder in meinem Zelt an der Spree, gleich unterhalb des Bundestages.

Vor drei Jahren habe ich Weihnachten dort gefeiert. Gehunfähig, im Rollstuhl und schwer alkoholkrank. Erst sechs Wochen vorher aus einem mehrwöchigem Koma erwacht. Drei Monate später hatte ich mich aufgegeben und wäre fast gestorben.

Wir waren eine Gruppe von sechs Leuten. Ra., Ch., St., El., Jo. und ich. Es gab noch ein paar bulgarische Leute, die aber immer unter sich blieben.
Wir hatten Geld zusammengelegt und Ra. hatte Kartoffelsalat gemacht. Aber keinen fertigen!
Sondern er hat auf unserem Gaskocher Kartoffeln gekocht, wir haben sie alle zusammen gepellt und er hat am Abend vorher begonnen diesen nach einem Familienrezept für uns zuzubereiten. Insgesamt waren es acht Kilo. Fast ein Wassereimer voll.
Ich hatte Glück beim Schnorren und konnte 40 Wiener-Würstchen spendieren. Irgendeiner von uns hatte unterwegs noch einen verkrüppelten Weihnachtsbaum gefunden, den wohl irgendwer nicht mehr mochte. Er brachte ihn mit unter unsere Brücke. Wir dekorierten ihn mit Lametta, setzten ein paar Plüschtiere davor und holten aus unseren Zelten ein paar Grabkerzen, welche einige von uns als Heizung benutzten. Passanten die vorbei kamen machten Fotos davon.

Samstag, 21. Dezember 2019

Warum Obdachlose nicht in Notunterkünfte gehen


Geschätzt leben in Berlin etwa 6.000 Menschen direkt auf der Straße. Dem gegenüber stehen zur Zeit etwa 1.100 Plätze in Notübernachtungen. Nun könnte man meinen, dass es jeden Abend großes Gerangel um diese wenigen Plätze gibt. Doch die Realität sieht so aus, dass die Auslastung nur bei etwa 70 bis 80 Prozent liegt. Mehr als etwa 5.000 Menschen entscheiden sich freiwillig dafür die Nacht lieber irgendwo im Freien zu verbringen, als in diese Unterkünfte zu gehen. Und dafür gibt es gute Gründe.

Wenn sich in der Presse Fachleute zu diesem Thema äußern, hört man oft folgende Argumente. Es gibt eben viele Obdachlose, die es nicht mehr in geschlossenen Räumen aushalten. Zudem dürfe man dort keinen Alkohol trinken und Haustiere sind ebenfalls verboten. Also alle selbst schuld.
Wenn man auf der Straße lebt braucht man ja nicht auch noch ein Haustier, psychische Befindlichkeiten könne man nicht auch noch lösen und saufen und Party machen müsse man in einer solchen Lebenssituation schließlich nicht auch noch.

Tatsächlich ist die Realität ganz anders und die immer wieder genannten Argumente sind einfach nicht stichhaltig, wenn man es genauer betrachtet. Und dies will ich im Folgenden mal machen.

Sonntag, 30. Juni 2019

Wie kann man Obdachlosen helfen?

Bei meinen Vorträgen oder auf den Stadtführungen bei querstadtein werde ich oft gefragt, wie man Obdachlosen helfen kann.
Diese Frage möchte ich heute in einem Blogbeitrag beantworten.

Obdachlose benötigen Hilfen in vielfältiger Hinsicht. Dies reicht von Handreichungen, welche den Alltag auf der Straße erleichtern, bis hin zu Hilfen, die den Menschen draußen helfen wieder von der Straße wegzukommen. Das letztere Thema würde ich jedoch nochmal separat abhandeln, sonst wird dieser Artikel zu umfangreich.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass obdachlose Menschen so ziemlich alles benötigen, denn in der Regel haben die meisten wenig bis nichts.

Freitag, 28. Juni 2019

Obdachlosigkeit und Sucht

Obdachlosen gebe ich kein Geld! Die versaufen dass ja sowieso nur!

So und ähnlicher Form äußern sich viele Menschen, nachdem sie von einem obdachlosen Menschen um Geld gebeten wurden. Vor allem wenn dieser noch eine deutliche Alkoholfahne vor sich her getragen hat.
Zum einen ist dies für viele ein gutes Argument um Obdachlosen nichts zu geben und zum anderen trifft dies wirklich zu!
Ja, viele Obdachlose geben einen Teil ihres Geldes für Alkohol und zu einem geringeren Teil auch für andere Drogen aus.

Doch warum ist dies so?
Die einfachste, jedoch in den meisten Fällen nicht zutreffende, Antwort ist, dass Obdachlose wegen ihres Alkoholkonsums auf der Straße gelandet sind.
Aber, wie bereits angedeutet, trifft dies nicht auf alle zu. Natürlich gibt es den klassischen "Loosertyp". Keinen Schulabschluss, nie einen richtigen Beruf gelernt und schon in jungen Jahren mit diversen Suchtmitteln in Kontakt gekommen. Am Ende der klassischen Suchtkarriere steht dann natürlich die Obdachlosigkeit.
Doch viele obdachlose Menschen hatten vor ihrem tristen Dasein auf der Straße ein ganz normales Leben und sind erst draußen süchtig geworden.

Sonntag, 9. Juni 2019

Wie geht es weiter mit mir?

Die letzten Wochen und Monate meines Lebens waren, wie fast immer, sehr aufregend.
Es sind wieder mal einige Stürme an mir vorbei und über mich hinweg gezogen. Doch solche Gewitter können sowohl Schaden anrichten, als auch sehr heilsam sein und eine Orientierung in eine neue Richtung möglich machen.
Der angerichtete Schaden beschränkte sich weitestgehend auf meine eigene Person, allerdings waren auch andere Menschen betroffen, bei diesen bitte ich um Entschuldigung und falls der Schaden wiedergutmachungswürdig ist, meldet euch bitte bei mir und gebt mir die Chance, mich wieder zu einem ehrlichen Menschen zu machen.

Ich musste in den letzten Wochen meine Pläne für die Zukunft ziemlich gravierend überdenken und auch ändern.
Bisher stand ich vielen Dingen, die im aktuellen Hilfesystem geschehen, ziemlich ablehnend gegenüber. Dies hat sich auch nicht verändert.
Doch statt wie bisher lediglich auf die Missstände hinzuweisen und gegen diese vorzugehen, habe ich beschlossen, es einfach besser zu machen. Ich habe verstanden, dass es nichts bringt, permanent nur anti zu sein. Ein solches Verhalten vergeudet zu viele Energien, zerstört Freundschaften und bringt die ganze Sache nicht einen Schritt nach vorn.

Ich habe ebenfalls verstanden, dass es für mich im Berliner Hilfesystem keinen Platz bzw keine Festanstellung geben wird.
Das meine fehlende Ausbildung zum Sozialarbeiter dabei ausschlaggebend ist, kann ich nur bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Da dies aber immer wieder genannt wird, muss ich dies akzeptieren.