Dienstag, 11. September 2018

Wovon leben Obdachlose oder ist Schnorren cool?

Wie kommt man an Geld, wenn man obdachlos ist?

Grundsätzlich hat man zwei Möglichkeiten.
Entweder wird man kriminell und besorgt sich sein Geld durch Diebstähle in Geschäften oder man greift auf eine der drei Möglichkeit an Geld zu kommen der Obdachlosen zurück, die ich gleich noch schildern werde.
Insgesamt kann ich sagen, dass die meisten Obdachlosen sich für den geraden und ehrlichen Weg entscheiden. Es gibt prozentual nur sehr wenig Menschen auf der Straße, die bereit sind kriminell zu werden.
Es wird sehr oft untereinander gestohlen, aber die normalen Leute werden so gut wie nie belästigt.
Hat man sich für die Ehrlichkeit entschieden, bleiben drei weitere Optionen um an das täglich benötigte Geld zu kommen.
Man kann entweder Pfandflaschen sammeln, schnorren oder die Obdachlosenzeitung verkaufen.

Wie Flaschensammeln funktioniert, liegt auf der Hand.
Schnorren ist wenn man sich mit einem Becher vor den Füßen irgendwo hinsetzt oder Leute anspricht und nach Geld fragt.
Der Zeitungsverkauf ist die lukrativste Einnahmequelle für Obdachlose, allerdings nicht jedermanns Sache. Aus verschiedenen Gründen, auf die ich gleich noch eingehe.

Wie ist es eigentlich wenn man fremde Menschen um Geld bitten muss?
Grundsätzlich?
Es ist entwürdigend im wahrsten Wortsinn. Jedes mal wenn man einen anderen Menschen nach Geld fragt, muss man zugeben, auf gesamter Linie versagt zu haben. Man muss zugeben, nicht mehr in der Lage zu sein für sich selbst zu sorgen.
Dies geschieht zwar nicht durch direktes Aussprechen, doch allein die Frage selbst lässt ziemlich eindeutig auf eine solche Sachlage schließen.
Mit jedem Mal Fragen fühlt man sich ein bisschen mehr aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Man gehört nicht mehr dazu, alle anderen kommen ja irgendwie klar mit ihrem Leben. Nur man selbst nicht und dies muss man mehrere hundert Male am Tag öffentlich zugeben.

Im selben Moment wird man von den meisten Menschen irgendwie nicht mehr als Ihresgleichen betrachtet. Dies beginnt sich schon damit zu äußern, dass Obdachlose grundsätzlich geduzt werden. Auch alte Menschen. Man gibt sich zwar nett, ist aber eigentlich froh, wenn dieser Menschen nun endlich wieder das direkte Umfeld verlassen würde.
Wenn ich gelegentlich mal aus meiner aufgezwungenen Rolle als Obdachloser ausgebrochen bin und etwas von meiner Intellektualität durchblitzen ließ, fand man dies in der Regel eher niedlich anstatt mich als intelligenten Mitmenschen anzusehen. Vielleicht so wie man einen Affen im Zoo bewundern würde, dem man beigebracht hat mit Messer und Gabel zu essen. Fast wie ein richtiger Mensch...

Zugegeben, man gewöhnt sich in gewisser Weise nach einer bestimmten Zeit daran und entwickelt Routine, doch es bleibt immer unangenehm.
Jedes einzelne Mal.
Ich habe mir dann immer gesagt: "Du hast keine Wahl, Du musst das jetzt tun!". Und dann bin ich losgegangen und habe den Nächsten angesprochen.
Besonders schlimm war es, wenn man kurz vorher an einen sehr unangenehmen Zeitgenossen geraten ist, zu denen ich weiter unten noch was schreiben werde.

Natürlich hat dieses Verhalten unterschiedlich starke Ausprägungen und es sind auch nicht alle Menschen so, doch man kann durchaus sagen, dass dies bei den meisten Menschen so ist.
Und Obdachlose haben eine ganz feine Antenne für solche, meist nonverbalen, Äußerungen!
Sie lassen es sich oft nur nicht anmerken. Die Leute wollen schließlich fröhliche Obdachlose sehen.
Der letzte Aspekt ist übrigens auch sehr bemerkenswert.

Das Leben auf der Straße ist bekanntermaßen sehr hart. Nur kann man dies beim Schnorren nicht zeigen. Statt mit einem elendem Gesicht herumzulaufen, was in dieser Situation eigentlich normal wäre und ehrlich seine Geschichte zu schildern, muss man als Obdachloser immer den gut gelaunten Spaßvogel heraushängen lassen. Dann geben die Leute Geld. Traurige Geschichten will niemand hören. Vielleicht wenn sie ein Happyend haben.
Also schildert man in zwei drei Worten seine Situation, verpackt die Bitte um Geld noch ein bisschen lustig und charmant und wenn die Leute dann lächeln, gibt es 50 Cent oder einen Euro. Diejenigen, die dies am besten können, kommen auf der Straße finanziell wenigstens halbwegs über die Runden.

Doch was ist mit den total abgewrackten Menschen? Leute die mit einer zerfledderten Ausgabe der MOTZ, schmutzig und kaum noch in der Lage ganze Sätze zu formulieren irgendwo in der Ecke eines Bahnhofseingangs sitzen.
Dies sind wirklich die allerärmsten Menschen auf der Straße. Gerade diesen müsste man am meisten geben, doch sie bekommen in der Regel fast gar nichts.
Vielleicht denkt Ihr beim nächsten Mal daran, wenn Ihr wieder etwas Geld spenden wollt.

Und dann gibt es da noch die wirklich unangenehmen Menschen, die ich oben schon kurz erwähnt habe.
Beim Schnorren habe ich so ziemlich jede Gemeinheit erlebt, zu der Menschen fähig sind.
Ich wurde geschlagen, angespuckt, auf unterschiedlich gemeine Art und Weise beschimpft und beleidigt. Mir wurden ekelhafteste Beweggründe für mein Handeln und meine Situation unterstellt und ich wurde durch viele, kleine Handlungsweisen gedemütigt und erniedrigt.
Glaubt mir, das fühlt sich wirklich nicht gut an. Da man aber keine andere Wahl hat, schluckt man dies herunter, setzt ein Lächeln auf und geht zum nächsten.
Die meisten Menschen sind wirklich nett, wenn auch meist auf die oben beschriebene Weise, doch die drei oder vier Prozent, die an den Obdachlosen ihren Alltagsfrust auslassen, machen einem das Geldverdienen auf der Straße richtig sauer.

Ich gebe nichts! Die versaufen das ja sowieso.
Ja! Stimmt!
Viele Obdachlose sind Alkoholiker. Und ganz viele sind es auf der Straße erst geworden.
Natürlich geben alkoholkranke Menschen Geld für Alkohol aus. Sie brauchen diesen!
Wenn sich ein Alkoholiker Schnaps, Wein oder Bier kauft, geht er damit keine Party feiern wie andere Menschen, sondern er bekämpft Krankheitssymptome.
Und glaubt mir, auf Alkoholentzug zu sein ist deutlich mehr als unangenehm.
Wie auch immer er in diese Situation gekommen sein mag, jetzt und hier muss er trinken oder es geht ihm wirklich schlecht. Natürlich müsste das Problem langfristig gelöst werden, doch unter den Bedingungen auf der Straße ist dies sehr schwierig.
Und auch ein Alkoholiker muss essen, einen Euro auf der Bahnhofstoilette bezahlen und braucht Zahnpasta und Rasierzeug.
Natürlich muss jeder selbst entscheiden ob und wem er sein Geld gibt, doch vielleicht beachtet Ihr den geschilderten Sachverhalt, wenn Ihr das nächste Mal von einem Obdachlosen angesprochen werdet, der deutlich nach Alkohol riecht.
Und es gibt tatsächlich Obdachlose, die sich vor dem Schnorren erstmal Mut antrinken müssen, da sie es im nüchternen Zustand gar nicht fertig bringen, fremde Menschen um Geld zu bitten.

Die sollen doch arbeiten gehen!
Diesen Satz empfand ich als Obdachloser immer als besonders schlimm.
Ich hatte mein ganzes Leben lang für mich selbst gesorgt und habe immer viel gearbeitet. Bis in den Burnout hinein. Mit Sicherheit mehr als die meisten meiner Altersgenossen, die mir diesen Spruch an den Kopf geworfen haben.
Auf der Straße ist es wirklich so, hast Du keine Wohnung bekommst Du keine Arbeit und natürlich umgekehrt. Selbst wenn sich mal ein Arbeitgeber wirklich für einen interessiert, sobald man sagt, dass man obdachlos ist, hört man noch das obligatorische Wir melden uns und dann war es das. Niemals meldet sich ein Arbeitgeber bei einem Obdachlosen.
Eventuell darf man für fünf Euro bei einem Imbiss nach Ladenschluss die Toiletten putzen oder den Boden wischen und den Müll raus tragen. Zu mehr kann man obdachlose Menschen ja eh nicht gebrauchen.
Es gibt zwar hin und wieder Obdachlose die einen Job haben, doch dies sind die krassen Ausnahmen.
Man kann gar nicht regelmäßig arbeiten gehen, wenn man auf der Straße lebt. Dies beginnt schon damit, dass man sauber zur Arbeit erscheinen möchte und auch muss.
Wenn ich am Hauptbahnhof duschen wollte, kostete mich das sieben Euro. Viele Klamotten hat man auch nicht, also müssen die vorhandenen jeden oder aber mindestens jeden zweiten Tag gewaschen werden. Dazu muss man in den Waschsalon, wo man nach der Arbeit nicht nur noch drei Stunden herumsitzt, sondern auch wieder viel Geld auf den Tisch legen muss. Und dies war jetzt nur ein Beispiel.

Ich gebe lieber Essen!
Die Idee ist grundsätzlich super und tatsächlich auch eine gute Vorgehensweise. Doch reicht das eigentlich nicht aus.
Obdachlose brauchen Bargeld für viele Dinge. Das Essen ist nur ein Teil. Man braucht Duschgeld, Geld für den Waschsalon, für Kaffee, die Bahnhofstoilette, Tabak, die Fahrkarte und natürlich in vielen Fällen auch für Alkohol.
Auch wollen Obdachlose wenigstens mal ein bisschen was schönes in ihrem tristen Leben haben. Den Becher Kaffee habe ich schon genannt, aber auch eine Tafel Schokolade oder leckeres Obst sind Dinge, über die man sich als Obdachloser richtig freuen kann. Und all das kostet Geld.

Besonders in der Weihnachtszeit werden Obdachlose mit Essen und besonders Süßigkeiten in Form von kleine, bunten Tüten förmlich überschüttet. Kein Mensch kann so viel essen! Dafür bekommt man dann aber im Sommer wieder gar nichts. Im Sommer sind Obdachlose nicht vorhanden oder es geht ihnen ja gut. So mit einem Bier in der Hand, im Schatten auf einer Bank im Park sitzend während man selbst zur Arbeit musste. Denen geht es doch gut!
Nein, geht es nicht. Obdachlose haben im Sommer die gleichen Probleme wie immer, es ist nur warm.

Ich war auf der Straße mal mit einem Obdachlosen zusammen, der einen Hund hatte.
An einem Tag auf dem Alexanderplatz hatten uns die Leute so viel Hundefutter geschenkt, das wir einen Einkaufswagen klauen mussten, um alles überhaupt abtransportieren zu können. Und dies obwohl wir schon den ganzen Tag Hundefutter an andere Obdachlose verschenkt hatten.
Nur..., wir hatten am Abend nichts zu Essen.

Oft habe ich auch den Spruch gehört: "Da wollte ich dem Essen geben und der wollte das gar nicht!"
Manchmal noch mit den Zusätzen "Dann hat er mir das hinterher geworfen" oder "Dann hat er mich auch noch beschimpft" garniert.
Ganz ehrlich?
In der gesamten Zeit auf der Straße habe ich selbst es nicht ein einziges Mal erlebt, dass ein Obdachloser Essen ablehnt. Wirklich nie!
Selbst wenn man gerade eben gegessen und keinen Hunger mehr hat, dann kennt man doch mindestens drei Kollegen, die an diesem Tag noch keine Mahlzeit hatten und gibt diesen das Essen.

Obdachlose müssen auch ein bisschen Geld für den Notfall auf die Seite legen. Zum Beispiel wenn man mal krank wird und drei oder vier Tage nicht schnorren kann. Geld braucht man auch dann.
Zugegeben, dass machen nicht viele Obdachlose so, aber oft auch nur einfach deswegen nicht, weil sie nichts haben, was man zurücklegen könnte.

Die haben alle eine Villa im Grunewald und einen Mercedes um die Ecke stehen!
Natürlich haben Obdachlose dies in Wirklichkeit alle. Und wenn man dann noch bedenkt wie viel Hausmeister und Gärtner im Monat so kosten... Und fahrt mal mit einem Ferrari tanken... Alter!
Ich glaube ich muss das nicht erklären. Ich persönlich kenne keinen Obdachlosen, der ein Auto besitzt.
Doch! Einen, aber der wohnt darin.

Natürlich gibt es auch Bettelbanden, doch sind dies in der Regel keine deutschen und keine polnischen Obdachlosen. Zumindest nicht in Berlin.

Wieviel soll man geben?
Grundsätzlich so viel wie man gern geben möchte und auch geben kann. Gern auch mal einen Geldschein.
Doch warum so viel?
Wenn man obdachlos ist, hat man einen Fulltimejob. Man ist wirklich den ganzen Tag irgendwie damit beschäftigt Geld zu besorgen und auch Duschen und Wäschewaschen erfordert mehr Aufwand als Daheim schnell mal ins Badezimmer zu gehen. Selbstverständlich muss man dies an sieben Tagen in der Woche machen. Man hat praktisch nie frei.
Wenn dann wirklich mal jemand einen Schein gibt, kann man in der Regel an diesem Tag mit dem Schnorren aufhören und mal ein wenig ausruhen.
Manchmal sind auch besondere Anschaffungen nötig. Zum Beispiel eine Stirnlampe oder ein kleines Taschenradio. Für Obdachlose so ziemlich die einzige Möglichkeit, Nachrichten oder vielleicht mal ein Fußballspiel zu hören und nicht vollständig den Kontakt zur Welt zu verlieren.
Durch die Spende eines Geldscheins ist so eine scheinbar kleine, doch für Obdachlose große und wichtige Anschaffung möglich.

Seid auch bitte nicht böse, wenn ein Obdachloser mal nicht so freundlich ist. Ihr wisst nicht, was der fünf Minuten vorher erlebt hat.
In der Regel sind Obdachlose höflich und freundlich. Doch das wisst Ihr ja.

Und auch wenn Ihr mal nichts gebt, seid wenigstens freundlich.
Ich habe heute schon gegeben, aber beim nächsten Mal denke ich an Dich, klingt in den Ohren eines obdachlosen Menschen wie die schönste Musik. Nichtmal wegen des versprochenen Geldes in der Zukunft, sondern weil man als Mensch und Individuum wahrgenommen wurde und weil jemand einfach mal wirklich nett war.

Es grüßt Euch

André

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