Freitag, 14. Februar 2020

Wohnungsloser von Berliner Hilfseinrichtung zum Obdachlosen gemacht

Heute Morgen klingelte mein Telefon. Am andere Ende war ein junger Obdachloser, den ich noch aus meiner Zeit am Kältebahnhof Lichtenberg kenne.
Völlig aufgelöst berichtete er mir, dass ihm Knall auf Fall der Wohnheimplatz gekündigt wurde. Nachdem ich ihn etwas beruhigt hatte, erzählte er mir die ganze Geschichte.

Er war in dem Wohnheim der GEBEWO untergebracht. Die Einrichtung befindet sich in der Teupitzer Strasse und wird auch kurz "Die Teupe" genannt. Hier mal ein Link zum Imageflyer der Einrichtung. Sieht so weit alles ganz nett aus und auch die Beschreibung des Hilfeangebotes klingt sehr schön und wenn man das alles so liest, würde man dort am liebsten selbst gern einziehen.
Allerdings weiß ich seit längerer Zeit sowohl aus eigenem Erleben, als auch aus Berichten anderer Obdachloser, dass in diesen Einrichtungen nichts ist, wie es nach Außen scheint. So auch in der "Teupe".

Die Einrichtung ist mir seit längerem für ihre menschenunwürdigen Zustände und auch für ihren äußerst fragwürdigen Umgang mit den hilfebdürftigen Menschen bekannt.

Toilette in der "Teupe"
Die Schilderung der Vorgänge von heute Morgen bestätigte diesen Eindruck zu 100 Prozent.
Der Obdachlose berichtete mir, dass es gegen 10.00 Uhr an seiner Zimmertür klopfte und eine Mitarbeiterin ihm zwei Schreiben in die Hand drückte.
Das eine war eine Aufforderung die Einrichtung sofort zu verlassen. Er hätte 30 Minuten Zeit!
Und das andere ein Hausverbot.
In dem Schreiben, dass mir vorliegt, wird ein diffuser, wiederholter Verstoß gegen die Hausordnung als Begründung für diese drastische Maßnahme genannt. Mündlich wurde ihm mitgeteilt, dass er wohl andere Bewohner des Hauses bedroht hätte.
Der obdachlose junge Mann bestreitet die Vorwürfe mir gegenüber und ich glaube ihm, da ich ihn schon mehr als ein Jahr gut kenne und er mich noch nie belogen hat.

Ironischer Weise, stand noch ein Hinweis auf dem Zettel, sich an die soziale Wohnhilfe wegen der Zuweisung neuen Wohnraums zu wenden.
Allerdings ist jedem Sozialarbeiter in der Stadt bekannt, dass man heute, am Freitag Mittag, dort niemanden mehr erreicht und das erst wieder am Dienstag Sprechzeiten sind.

Toilette in der "Teupe"
Der jungen Mann wurde von jetzt auf gleich aus der Einrichtung geworfen ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben, vor Dienstag wieder irgendwo unterzukommen. Ihm bleiben jetzt also nur die mehr als unwürdigen Einrichtungen der Kältehilfe, zu denen ich vor einigen Wochen schon Mal etwas geschrieben hatte.
Zudem besteht bei dem jungen Mann eine psychische Erkrankung, die ihm nur den Aufenthalt in einem Einzelzimmer ermöglicht.
Ihm stehen jetzt also mindestens fünf Nächte bevor, in denen es sehr kalt für ihn wird, da er unter einer Brücke schlafen muss oder er muss mit bis zu 15 Menschen in einem Raum verbringen, was für ihn aufgrund seiner Erkrankung eine Qual ist.

Blut aus den Spritzen
Heroinsüchtiger am Boden
Auch mein Anruf in der Einrichtung und der Hinweis auf die unlösbare und schwierige Situation in die der junge Mann gebracht wurde, brachte keine Lösung. Man argumentierte mit der immer wieder gern genommenen Begründung, dass "..man das im Team entschieden hätte...". Womit kein konkreter Ansprechpartner greifbar ist und die nächste Teamsitzung findet natürlich auch immer erst in einer Woche statt. Womit man jeder Form der Kritik und einer schnellen Lösung des Problems fein aus dem Weg geht.

Diese Art sich unbequemer obdachloser Menschen in diesen Einrichtungen zu entledigen ist in Berlin und auch Deutschland täglich gelebte Praxis. Ich persönlich kenne einen Obdachlosen, der nach so einer Aktion wieder in seiner längst überwundenen Heroinsucht landete und der heute nicht mehr am Leben ist.

Auch mir selbst ist so etwas schon passiert.
Ich wurde mitten im Winter als sehr kranker Rollstuhlfahrer aus einer Einrichtung der Berliner Stadtmission geworfen. Unter ähnlichen Umständen, wie den oben geschilderten. Drei Tage später wäre ich fast erfroren. Man fand mich in bewusstlosen Zustand, in meinem Rollstuhl sitzend auf dem Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs. Zum Glück wurde ich durch engagierte Menschen gerettet.
Im Krankenhaus betrug meine Körpertemperatur nur noch 29°!

Dies sind nur exemplarische Beispiele für den allgemeinen Zustand unserer Wohnungslosenhilfe. Sicher es gibt auch einige, wenige Einrichtungen die gute Arbeit leisten. Doch die sind eher die Ausnahme von der Regel.
Solche Entscheidungen gefährden Menschenleben und ich bin gelinde gesagt stinksauer.

Falls jemand eine Idee hat, wie dem jungen Mann schnell und unkompliziert geholfen werden kann, bin ich für jeden Hinweis dankbar.

André Hoek

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