Freitag, 28. Juni 2019

Obdachlosigkeit und Sucht

Obdachlosen gebe ich kein Geld! Die versaufen dass ja sowieso nur!

So und ähnlicher Form äußern sich viele Menschen, nachdem sie von einem obdachlosen Menschen um Geld gebeten wurden. Vor allem wenn dieser noch eine deutliche Alkoholfahne vor sich her getragen hat.
Zum einen ist dies für viele ein gutes Argument um Obdachlosen nichts zu geben und zum anderen trifft dies wirklich zu!
Ja, viele Obdachlose geben einen Teil ihres Geldes für Alkohol und zu einem geringeren Teil auch für andere Drogen aus.

Doch warum ist dies so?
Die einfachste, jedoch in den meisten Fällen nicht zutreffende, Antwort ist, dass Obdachlose wegen ihres Alkoholkonsums auf der Straße gelandet sind.
Aber, wie bereits angedeutet, trifft dies nicht auf alle zu. Natürlich gibt es den klassischen "Loosertyp". Keinen Schulabschluss, nie einen richtigen Beruf gelernt und schon in jungen Jahren mit diversen Suchtmitteln in Kontakt gekommen. Am Ende der klassischen Suchtkarriere steht dann natürlich die Obdachlosigkeit.
Doch viele obdachlose Menschen hatten vor ihrem tristen Dasein auf der Straße ein ganz normales Leben und sind erst draußen süchtig geworden.

Das Leben auf der Straße ist äußerst hart und anstrengend. Sowohl körperlich, als auch emotional und psychisch.
Bei mir war es so, dass der Alkohol am Ende mein bester Freund gewesen ist.
Wenn mir kalt war, ich Schmerzen hatte, wenn ich traurig, einsam oder frustriert über meine Situation war, war der Alkohol oftmals der Einzige, der für mich da war.
Mit Alkohol kann  man seiner trost- und hoffnungslosen Situation wenigstens für eine gewisse Zeit entkommen. Alles wird etwas leichter erträglich.

Doch Alkohol ist ein schwer suchterzeugender Stoff und in dem Bemühen sich etwas Erleichterung zu verschaffen, werden Obdachlose dann eben abhängig.
Vor diesem Hintergrund wird auch das "Selbst-Schuld-Argument" ungültig. Wenn die meisten von uns ehrlich sind, würde es ihnen nicht anders ergehen.
Eine Fernsehreporterin, die einige Tage mit Obdachlosen auf der Straße zugebracht hatte, sagte aus: "Als Obdachloser muss man trinken, anders hält man das überhaupt nicht aus".

Doch egal auf welche Weise die Menschen in ihre Abhängigkeit gelangt sind, ab einem gewissen Punkt ist dies einfach als gegeben hinzunehmen.
Und wenn man als alkoholkranker Mensch keinen Alkohol bekommt, ist dies ein Zustand der sich deutlich mehr als unangenehm anfühlt.
Man hat schwerste Kreislaufstörungen, zittert, beginnend mit den Händen, am gesamten Körper und ganz am Ende kann man Krampfanfälle erleiden, die sogar tödlich enden können. Im Übrigen ein Zustand, den man regelmäßig in Notübernachtungen, in denen Alkoholverbot herrscht, am Morgen beobachten kann.
Alkoholkranke brauchen den Alkohol, wie andere die Luft zu atmen!
Man kauft sich eher Alkohol als zu essen, da der Zustand des Hungers leichter zu ertragen ist, als ein Alkoholentzug.

Wenn also das nächste mal ein obdachloser Mensch vor Euch steht, um eine Spende bittet und dabei deutlich nach Alkohol riecht, gebt ihm trotzdem etwas. Vor allem wenn er schon deutlich sichtbar zittert!
Natürlich wäre eine Entgiftung mit einer anschließenden Entzugstherapie der richtigere Weg, doch jetzt, in diesem Moment, muss dieser Mensch trinken. Es gibt nichts anderes, was ihm hilft.

Die Alkoholfahne könnte auch noch einen anderen Grund haben. Das "Schnorren" ist eine sehr unangenehme Tätigkeit.  Viele Obdachlose bringen es überhaupt erst fertig einen fremden Menschen um  Geld zu bitten, nachdem sie sich vorher Mut angetrunken haben. Sonst trauen die sich das überhaupt nicht. Auch wenn sie noch nicht abhängig vom Alkohol sind.

Was kann man tun, um Obdachlosen aus ihrer Sucht heraus zu helfen?
Die vielfach gehörte Aufforderung: "Hör doch einfach auf zu trinken" ist etwas, dass ein alkoholkranker Mensch nur noch in den allerseltensten Fällen allein bewerkstelligen kann. Falls er es wünscht, braucht er Hilfe dabei.

Am besten ist es, Kontakt zu einer Suchberatungsstelle aufzunehmen. Die Leute dort wissen in der Regel was zu tun ist und können mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Der erste Schritt ist eine Entzugsbehandlung. Diese führen in der Regel Krankenhäuser durch.
Die Kosten werden in fast allen Fällen von der Krankenkasse übernommen. Falls keine Krankenversicherung vorhanden ist, muss sich zuerst darum gekümmert werden. In Berlin kann man sich hier Hilfe holen.
Allerdings ist ein Entzug nur der erste von insgesamt vier Schritten.

Als nächstes sollte eine Entzugstehrapie angestrebt werden. Diese dauert in der Regel zwischen drei und sechs Monaten. Kostenträger ist in der Regel der jeweilige Rentenversicherer. Bei der Beantragung der Kostenübernahme, stehen wieder diverse Suchtberatungen zur Verfügung.

Im Anschluss ist es zu empfehlen, dass der süchtige Obdachlose Selbsthilfegruppen aufsucht. Diese helfen ihm dabei, seine Situation dauerhaft zu stabilisieren und bauen oft auch auf die in der Therapie vermittelten Kenntnisse auf.

Am Ende muss natürlich auch die Gesamtsituation des Obdachlosen stabilisiert werden.
Wenn er nach der Therapie wieder auf der Straße und in seinem alten Suchtumfeld landet, ist ein Rückfall praktisch vorprogrammiert.
Er muss also eine Unterkunft in einem möglichst sicheren Umfeld haben. In Berlin und in vielen anderen Städten gibt es verschiedene cleane Wohneinrichtungen, die man leicht über das Internet finden oder bei einer Suchtberatung erfragen kann.
Am besten ist, wenn Entzug, Entzugstherapie und Einzug in ein entsprechendes Wohnprojekt nahtlos ineinander übergehen.
Mit ein bisschen Planung ist dies jedoch relativ leicht zu realisieren.

Bietet den obdachlosen Menschen Eure Hilfe dabei an, falls sie den Wunsch haben, von ihrer Sucht loszukommen.
Allein auf sich selbst gestellt und aus der Situation der Obdachlosigkeit heraus, ist dies für die meisten kaum zu schaffen.

Falls Ihr noch Fragen zu dem Thema habt, meldet Euch gern bei mir.

André

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