Montag, 16. März 2020

Situation der Obdachlosen in Berlin entwickelt sich dramatisch

Heute wurde ich von einem jungen obdachlosen Pärchen angerufen, die meine Hilfe benötigten. Vordringlichster Wunsch war, eine Unterkunft zu finden und dann gab es noch einige andere Probleme zu lösen.
Wir verabredeten uns und ich ging davon aus ein paar Telefonate zu führen und dann, wie immer, eine Lösung für ihre Probleme zu haben.
Nach etwa einer Stunde telefonieren musste ich einsehen, dass ich die jungen Leute unverrichteter Dinge wegschicken musste.

Egal wo ich anrief ob Sozialämter, Soziale Wohnhilfen, Zentralen der Bezirksämter, das Bürgertelefon, überall bekam ich niemanden ans Telefon. Entweder nahm niemand ab oder ich wurde abgewimmelt. Telefonzentralen weigerten sich mich weiter zu verbinden oder mir die entsprechenden Telefonnummern zu geben.
Zuletzt rief ich in der Obdachloseneinrichtung in der Levetzowstrasse an und die Kollegin dort sagte mir, dass es ihr schon den gesamten Vormittag ebenso erginge und das sie die meisten Obdachlosen unverrichteter Dinge wieder aus der Tür schicken musste, weil auf Ämtern und Behörden einfach NIEMAND mehr zu sprechen ist.

Hinzu kommt, dass viele private Helfergruppen, die zumindest hier in Berlin ein wesentlichen Anteil bei der Versorgung Obdachloser haben, ihre Arbeit einstellen.
Zum Teil kann ich das verstehen, wenn zum Beispiel Helfer zu den Riskogruppen gehören, dennoch kann man die Menschen dort draußen gerade jetzt nicht einfach ihrem Schicksal überlassen!

Ähnlich sieht es in den meisten offiziellen Hilfseinrichtungen für Obdachlose aus.
Essensausgaben werden eingestellt, Duschen ist verboten und einer Einrichtung am Bahnhof Lichtenberg werden Obdachlose nicht mehr zum Arzt gelassen. Ausnahmen werden nur gemacht bei Leuten, welche schon vorher dort dauerhaft mit Medikamenten versorgt wurden. Alle anderen werden nicht mehr versorgt!
Wie kann man nur eine solche Entscheidung treffen? In Zeiten von Corona die medizinische Versorgung einzustellen?

Ihr lieben Mitarbeiter in Behörden, Ämtern und Hilfseinrichtungen.
Dreht bitte nicht durch. Uns droht in Deutschland keine Zombie-Apokalypse. Wir haben eine ernste aber noch lange keine dramatische Situation. Doch mit Eurem aktuellen Verhalten sorgt Ihr dafür, dass sich die Situation in diese Richtung entwickelt. Unter Umständen haben wir bald mehr Todesfälle durch unterlassene Hilfeleistung als durch Corona zu befürchten.
Wenn Mitarbeiter die zu  Riskiogruppen gehören sich aus den Amtsstuben und Büros zurückziehen, habe ich dafür volles Verständnis. Doch warum übernehmen dann nicht jüngere den Job? Und die Risikogruppen könnten zum Beispiel das Telefon bedienen.

Zudem habe ich in Gesprächen mit anderen Obdachlosen per Telefon erfahren, dass die Spendenbereitschaft der Leute sehr deutlich zurück geht. Die Einnahmen der obdachlosen Menschen, welche schon unter normalen Umständen kaum zum Überleben reichten, sind überall um 50 Prozent oder mehr zurückgegangen.
Und es werden auch deutlich weniger Obdachlosen-Zeitungen verkauft.

Diese Einnahmen dienen dem umittelbarem Überleben! Wenn diese zu gering sind, ist am Abend schlicht und ergreifend der Teller leer.

Ich bitte Euch da draußen, helft den Obdachlosen durch Geldspenden jetzt ganz besonders!! Sie brauchen Eure Hilfe jetzt mehr denn je!

Obdachlose sind auch nicht besonders ansteckend! Der gut gekleidete Herr der in der Bahn neben Euch steht, kann das Virus genauso haben, wie jeder andere auch.

André Hoek

Kommentare:

  1. In Berlin-Mitte gibt es in der Pflugstraße das Haus der Jenny De la Torre-Stiftung, wo Obdachlose kostenlose medizinische und psychologische Hilfe und vieles mehr erhalten, jetzt wichtiger denn je. Mein kleiner Verein sammelt Dauerspenden ab 1 Euro im Monat, nach oben offen, und unterstützt damit die Stiftung, die zu 100 Prozent auf Spenden angewiesen ist: https://www.1000mal1euro.de/

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  2. Deutliche Worte, die viele hören/lesen sollten! Allerdings- auch ich bin nicht frei davon, wenn ich in der (fast) leeren u-bahn einen Obdachlosen sehe - dass ich innerlich zurückzucke mit dem Gedanken: der hat das Virus bestimmt.
    Der Beitrag hat mich wieder "aufgerichtet" - demnächst - wo immer - andere ich meine Einstellung und halte Kleingeld parat.

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  3. Deutliche Worte, die viele hören/lesen sollten! Allerdings- auch ich bin nicht frei davon, wenn ich in der (fast) leeren u-bahn einen Obdachlosen sehe - dass ich innerlich zurückzucke mit dem Gedanken: der hat das Virus bestimmt.
    Der Beitrag hat mich wieder "aufgerichtet" - demnächst - wo immer - andere ich meine Einstellung und halte Kleingeld parat.

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